Ob am Fernsehen und im Radio, auf Kanzel und Bühne oder jetzt auf seiner Sex-CD: Event-Pfarrer Fredy Staub zieht alle Register christlicher Lebenshilfe.

Von Michael Meier

Alles begann mit der nächtlichen Spritzfahrt im roten Deux Chevaux, die mit gespaltenem Schädel und schwersten Verletzungen im Spital endete. Es war «Die atemberaubende Fahrt ins grosse Glück», wie Fredy Staub sein Büchlein über den Selbstunfall betitelt. Der Crash als Chance! Was nämlich die Ärzte staunend als «Spontanremission» bezeichneten, erlebte der 20-jährige Staub als Heilung und Wunder. Schon seit Sonntagsschultagen gläubig, verspürte er fortan den frommen Drang, anderen vom Geschenk des Lebens und des Glaubens zu künden. Der ehemalige Elektroniker entschloss sich zum Theologiestudium an der Uni Bern und wurde Pfarrer in Jegenstorf.

Seine wahre Berufung aber entdeckte er 1984, als er in einer Turnhalle sein erstes christliches Jugendevent organisierte. Fortan engagierte er sich bis zu drei Wochen im Jahr für Eventshows. 1988 dann habe er den Job des Dorfpfarrers an den Nagel gehängt, erzählt der heute 49-Jährige, um die unsichere Existenz eines freischaffenden Wanderpfarrers zu führen. In Wädenswil eröffnete er das Büro für evangelistische Dienste, gerade umbenannt in Fredy Staub & Team. Freischaffende Pfarrer, die Seelsorge und Rituale anbieten, gibt es etliche. Staub aber repräsentiert eine ganz neue Spezies des freischaffenden Gottesmanns: Er ist der Schweiz erster Event-Pfarrer.

 

Blick durch die WC-Brille

Als Event-Pfarrer lässt er sich für zeitgeistig-fromme Anlässe mieten. So führte er als Hauptreferent durch die Veranstaltungswoche «Contact - online mit Gott» in Basel. An der Evangelisation «Jump in - Gott zieht Kreise» in Uster verglich er das Wagnis des Glaubens mit River Rafting und Bungee Jumping. Im Rahmen der Denkpause «Mut tut gut» zum Jahrtausendbeginn in Rapperswil-Jona lud er Nella Martinetti aufs Podium. Die mit Antidepressiva lebende «Lachnudel der Nation» findet er gerade aus seelsorgerischer Perspektive höchst interessant. «Überhaupt finde ich es fast spannender, Persönlichkeiten danach zu fragen, was sie zu Jesus sagen, als wenn ich erklären würde: Was sagt eigentlich Jesus dazu?» Meist holt Staub zum Schluss der Events «Betroffene» - eine gelähmte Frau, einen Süchtigen - auf die Bühne. Oder er bringt das Publikum zum Lachen, indem er durch eine WC-Brille schaut und Lessings Satz «Kein Mensch muss müssen» in «Jeder Mensch muss müssen» abändert. «Wir müssen nicht nur entsorgen, was aus dem Körper kommt», so Staub, «sondern auch das, was aus unserer Seele raus will.»

Verkündigung via Sinnbilder. Kennen wir das nicht bereits? Richtig, von Pfarrer Sieber. Der sei sein grosses Vorbild, bestätigt Staub. Wie dieser ziert er sich nicht, wenn es um Auftritte in Presse und Fernsehen geht. Noch nie war Staubs Präsenz in den (Boulevard-)Medien so gross wie jetzt. Das stupende Echo auf seine CD «Mehr Spass am Sex» sei keineswegs kalkuliert, sondern auch für ihn absolut überraschend, versichert der Pfarrer: «Meine früheren CDs zu Esoterik oder Millennium waren genauso gut, hatten aber nicht diese Resonanz.» Sex verkauft sich eben besser, zumal wenn die Botschaft so plausibel tönt: Mehr Freude an Gott bedeutet mehr Freude am Sex. Wer Gott vertraut, ist auch zu grösserer sexueller Hingabe fähig. Doch aufgepasst: Der Lust folgt die Moral auf dem Fusse. Cybersex führe in Abgründe, Pornografie aufs Glatteis und letztlich in den Missbrauch. Und schon soll sich der Zuhörer für Jesus entscheiden. Denn: «Die Nähe mit Gott ist noch schöner als Sex.»
Nein, ums Geschäft gehe es ihm auch nicht, dementiert Staub: «Sonst würde ich die CD nicht für 9.90 verkaufen.» Sie sei aus seelsorgerlichen Begegnungen und aus seelsorgerlicher Absicht entstanden - auf der Grundlage des Evangeliums. «Dort bricht Jesus Tabus; er hilft der krummen Frau, dass sie aufrecht stehen kann.» Nach dem Motto «Staub staubt ab» will auch der Pfarrer fromm verkrümmte Seelen aufrichten und von ungesunden Schuldgefühlen befreien. Auch im «Wohlfühlbuch» unter dem Titel «Mensch, das tut gut!», das mit der Warnung «Das Buch, kann Ihr Leben positiv verändern» versehen ist, propagiert er Lebenshilfe via Evangelisation.

 

Populäre Herz-und-Bauch-Religion

In der Regel verweist Staub Rat Suchende an Gemeindepfarrer und andere Stellen, er selber bietet nur punktuell Seelsorge an. Sein Ansatz allerdings ist klar seelsorgerlich und nicht politisch. «Ich vertrete einen einfachen und populären Glauben, keinen akademisch-elitären», bekennt er freimütig. «Ich bin nicht der Kopfmensch. Meine Botschaft kommt vom Herzen und vom Bauch her.» Staub sieht sich als «Feueranzünder», der Begeisterung weckt. So verstandene Frömmigkeit trifft sich exakt mit der evangelikalen und charismatischen Erlebnisreligion. Die Initiative für Staubs Events geht denn auch meist von Freikirchen aus, wie er bestätigt. Allerdings wäre er nicht glücklich, «einfach in der evangelikalen Schublade versorgt zu werden». Schon von seiner landeskirchlichen Ausbildung her verstehe er sich als evangelisch-reformatorisch.
Allerdings laufen auch seine Ratgebersendungen am Radio und Fernsehen über evangelikale Kanäle. Im Rahmen des ERF (Evangelium-Rundfunk) bietet er zweimal monatlich auf der Frequenz von Radio Eviva Beratungssendungen an. Am freikirchlichen «Fenster zum Sonntag» auf Radio SRF 2 gibt er monatlich via Hotline Antwort auf Fragen rund um Mobbing, Crash, Esoterik, Millennium oder Astrologie. Grosses Fernsehvorbild des Pfarrers ist die SWR-Therapiesendung «Lämmle live». Doch so hoch will Selbstdarsteller Staub gar nicht hinaus. Er wäre schon glücklich, wenn er die Astrologie-Ratgeber der Lokalradios durch eigene christliche Lebenshilfe-Gefässe ersetzen dürfte.

Pfr. Fredy Staub & Team                               

Merkurstrasse 3

8820 Wädenswil

Tel.: 044 780 20 25

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